Als bisher einzige in Deutschland geborene Dichterin gewann Lisel Mueller 1997 den Pulitzer Preis für Dichtung. Nun ist sie im Alter von 96 Jahren in Chicago verstorben.

Lisel Mueller, 1981. Photograph by LaVerne Harrell Clark. Courtesy of The University of Arizona Poetry Center. Copyright Arizona Board of Regents.

»I was born in a free city, near the north Sea«, schreibt Lisel Mueller in curriculum vitae, einem poetisierten Lebenslauf, das ihr letztes Buch »Alive Together. New and Selected Poems« eröffnet. Es folgen, ebenso lakonisch wie dunkel, weitere Stationen ihres Lebens: ein Vater, der gegen ein Monster kämpft, eine junge Frau, die sich die Sprache eines fremden Landes erst aneignen muss, der Tod der Mutter, das Wagnis der Poesie.

Die freie Stadt, von der hier die Rede ist, ist Hamburg. Hier wird Lisel Mueller 1924 als Elisabeth Annelore Neumann geboren. Im Alter von 15 Jahren flieht die Tochter eines politischen Flüchtlings gemeinsam mit ihrer Familie aus der Hansestadt in die Vereinigten Staaten, wo sie in Indiana aufwächst und schließlich an der University of Evansville graduiert. Als sie 1943 den Musikwissenschaftler Paul Mueller heiratet, verliert sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihrem Schreiben bleibt die Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Migration erhalten.

Whatever was bound to happen
in my story did not happen
a small mistake. Perhaps
a woman I do not know
is facing the day with heavy heart
that, by al rights, should have been mine

Jahrelang beschäftigt sich Lisel Mueller im Selbststudium mit großen englischsprachigen Dichtern wie John Keats und Wallace Stevens. 1965, im Alter von 29 Jahren, veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband »Dependencies«. Auslöser für ihr Schreiben ist der Tod ihrer Mutter:

»Ich erinnere mich an einen stillen, sonnigen Nachmittag, wenige Wochen nach ihrem Tod, als ich in einem schönen Garten in Evanston, Illinois, saß und das zwingende Bedürfnis empfand, meine Gefühle, veranlasst durch den Tod und diesen besonderen Nachmittag, in ein Gedicht zu fassen: Meine Gefühle auszudrücken, ihnen Luft zu machen, sie in eine gewisse Ordnung zu bringen (…) Wenn dieser Impuls therapeutisch war, so war er zugleich der Beginn meines ernsthaften Schreibens. Ich war 29, und es war das erste Gedicht, das ich in acht Jahren geschrieben hatte. Nach diesem kleinen, unbeholfene Gedicht, das schwer zu schreiben war, wusste ich, dass ich nie wieder aufhören wollte, Gedichte zu schreiben.«

Ab Ende der 50er Jahre lebt Lisel Mueller gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Landhaus in Lake Forest, Illinois. Ihre hier verfassten Gedichte und Essays erscheinen in verschiedenen Zeitschriften, so im Chicago Review, in Ploughshares, im New England Review und in Poetry. Ihr Zugang zur Lyrik ist persönlich; sie addressiert die großen Themen: Liebe, Alltag, Tod und Natur.

When I am asked
how I began writing poems,
I talk about the indifference of nature.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nahm Lisel Mueller einen Lehrauftrag im Bereich der Literaturwissenschaften an und unterrichtete unter anderem an der University of Chicago und am Goddard College in Plainfield (Vermont). Neben ihrem Werk publizierte sie Übersetzungen aus dem Deutschen, darunter Gedichte und Erzählungen von Marie Luise Kaschnitz. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise: 1980 wurde ihre der National Book Award für Lyrik verliehen, 1997 folgt der Pulitzer Preis für Dichtung für ihren Band »alive together«.

2001 verstarb ihr Mann Paul und Lisel Mueller zog in eine Seniorenresidenz in Chicago. Hier gab sie – auch aufgrund einer Augenkrankheit – das Schreiben auf und erlag vor wenigen Tagen mit 96 Jahren den Folgen einer Lungenentzündung. Als Kritikerin zeitgenössischer amerikanischer Lyrik und als Dozentin junger amerikanischer Dichter und Dichterinnen hat sie in den USA auch über ihre Werk hinaus Bekanntheit erreicht und gilt als eine der bedeutendsten amerikanischen Dichterinnen. In Deutschland bleibt sie weitgehend unbekannt. Der im MaroVerlag erschienene zweisprachige Sammelband »Brief vom Ende der Welt« ist ihr einziges hierzulande publiziertes Werk. 2019 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen und das deutsche Auswandererhaus widmete ihr die Sonderausstellung »so far, so good«. Kurator und Journalist Benno Schirrmeister rief im selben Jahr auch in der taz dazu auf, die Dichterin nicht zu vergessen – eine späte Ehre. Vielleicht ist es anlässlich ihres Todes am Versöhnlichsten, sie selbst dazu sprechen zu lassen:

In Passing
How swiftly the strained honey
of afternoon light
flows into darkness

and the closed bud shrugs off
its special mystery
in order to break into blossom:

as if what exists, exists
so that it can be lost
and become precious

Im Schwinden
Wie rasch das honigfarbene
Licht des Nachmittags
in die Dunkelheit fließt

und die verschlossene Knospe
ihr Geheimnis abschüttelt
um ihre Blüte zu entfalten

als ob, was ist, nur ist

damit es sich verliert
und wert werden kann

Übersetzung: Andreas Nohl

Die Zitate sind den Gedichten »November« und »When I am asked« sowie dem Nachwort des zweisprachigen Gedichtband »Brief vom Ende der Welt« (übersetzt und herausgegeben von Andreas Nohl) entnommen, der noch lieferbar ist.

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