1968 schickte der Deutschlehrer den frischgebackenen Abiturienten in die Welt: »Machen Sie nicht Ihr Hobby zum Beruf, sonst geht es Ihnen wie mir …« Benno Käsmayr folgte dem Rat und begann erst einmal Mathematik zu studieren, doch die Literatur hatte ihn fest im Griff. Die TU München interessierte ihn weniger als die »Maistrassenpresse« mit Autoren wie Herbert Achternbusch, Peter Handke und G. F. Jonke, in der er mitarbeitete. Der Besuch der Frankfurter Buchmesse 1969 gab dann den Ausschlag: Benno Käsmayr und sein Freund Franz Bermeitinger gründeten in der „Schwarzen Katz“ bei Äppelwoi den Maroverlag, während im Nebenraum H.C. Artmann gegen Peter Handke im Kickern verlor.

Sozusagen studienbegleitend entstand der MaroVerlag, erst mit der Zeitschrift UND - »zeitschrift für angebliche literatur und andere branchenunübliche kommunikationsformen in dementsprechender aufmachung«, ab Frühjahr 1970 gab es Bücher. Dass der Kleinverlag trotz Miniauflagen schon in den ersten Jahren als »Wagenbach der 70er« (Darmstädter Echo) gefeiert wurde lag eher am Programm. Die etablierten Verlage waren kaum Anlaufstellen für den damaligen dichterischen Nachwuchs, der sich stark an amerikanischen Vorbildern orientierte. 1971 schon fragte Rowohlt nach Taschenbuchrechten für einen Titel, der als Original mit Spiritus-Matrizen vervielfältigt worden war, ein Offsetdruck wäre nicht bezahlbar gewesen. Der wurde in den weiteren Jahren aber durch einen glücklichen Zufall möglich: Nach dem Wechsel zur Uni Augsburg, wo er dann Sozialwissenschaften studierte, jobbte der Kleinverleger in einer Dissertationsdruckerei und nach wenigen Wochen gab es Naturaltausch: Arbeitszeit gegen Papier und Maschinenzeit, eine optimale Symbiose.

Die vom Verlag herausgegeben Kataloge »Bücher die man sonst nicht findet«, in der sich Kleinverlage mit ihrem Programm vorstellen konnten, waren zur damaligen Zeit (mangels VLB und VLL(inker)B) bereits kleine Renner im Buchhandel. Für Benno Käsmayr waren die Kontakte zu den Kollegen der Kleinverlegerszene auch in anderer Weise wichtig: Seine Diplomarbeit »Die sogenannte Alternativpresse - ein Beispiel für Gegenöffentlichkeit« war nur dadurch möglich geworden.

Dann kam der »dirty old man«. Mit dem Satz »Lieber ein Buch in einem kleinen Verlag als gar kein Buch« hatte Carl Weissner, der Übersetzer und Freund von Charles Bukowski, seine Suche nach einem größeren Verlag abgebrochen und rannte bei Maro offene Türen ein. »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang« erschien zur Messe 1974 und machte aus einer Freizeitbeschäftigung einen Vollzeitjob. Nach einem Jahr kündigte Benno Käsmayr seinen Betriebsleiterjob in der Druckerei, bezog im Studentenviertel in Augsburg eine Ladenwohnung und etablierte neben dem Verlag eine Kleinoffsetdruckerei, schließlich hatte er das Büchermachen drei Jahre als Student gelernt.

Verlagsvertreter kamen von selbst, das amerikanische Programm wurde ausgebaut mit W.S. Burroughs, Jack Kerouac, John Fante, Raymond Carver, Paul Bowles, Prosabänden von Bukowski. Die Taschenbuchverlage wurden aufmerksam. Mit Günter Ohnemus, Andreas Mand, Uli Becker und Michael Schulte kamen wieder deutsche Nachwuchsautoren zum Verlag. Die Begegnung mit Rotraut Susanne Berner veränderte die Optik des Verlages ab 1980 entscheidend. Buchumschläge wurden fast ausschließlich als sog. Offset-Lithografien in der eigenen Druckerei von handgezeichneten Farbauszügen in Echtfarben gedruckt. Damit setzte sich die Optik der Maro-Bücher ganz entscheidend von den üblichen 4-Farbdrucken ab. Schon für die ersten drei Umschläge erhielt R.S. Berner den Piatti-Preis für Buchgrafik. In der gleichen Technik gedruckt erschienen ab 1991 die von Armin Abmeier in loser Folge herausgegebenen »Tolle Hefte« (seit 2001 in der Büchergilde Gutenberg), begleitet von der Reihe »Die tollen Bücher«.

Ein weiterer Verlagszweig entstand mit sog. »Ausgrabungen« - vergessene Bücher, die als Reprint oder Neuausgaben aufgelegt wurden: Titel aus dem Bestand des März Verlages, Typografie-Klassiker von Jan Tschichold und Paul Renner, die Beat-Anthologie des Rowohlt-Verlages, Bertolt Brechts Ernte, die fast alle heute noch Teil der Backlist sind.

Verrückte Projekte zogen sich wie ein roter Faden durch die Jahre. 1997, im Jahr des »Mulligan-Stew-Projektes« zweifelten die Vertreter am Verstand des Verlegers, nannten ihn tollkühn. Sorrentinos Buch »Mulligan Stew« galt nicht nur als unübersetzbar, sondern auch als unverkäuflich. Das Projekt sah 100 nummerierte und signierte Vorzugsausgaben zum stolzen Preis von 360 DM vor, die allen Skeptikern zum Trotz in 3 Wochen verkauft und vorausbezahlt waren, die Finanzierung war gesichert.

Was macht ein Verleger und Drucker sonst noch: In den 80/90er Jahren wurde er als Referent in Zusammenarbeit mit der Ausstellungs- und Messe GmbH mit wechselnden Kollegen zu Seminaren nach Asien, Afrika und Lateinamerika geschickt, Thema: Grundlagen des ökonomischen Verlegens, gibt es doch zwischen Klein- und 3.Welt-Verlegern eine starke Gemeinsamkeit: Gute Ideen und wenig Geld.

2002 erhielt Benno Käsmayr den Kurt-Wolff-Preis zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene, der »Drahtseilakt des Machbaren« war auch in der Öffentlichkeit angekommen. Seit dem letzten Jahr ergänzt das literarische Programm des Maroverlags ein »textiler« Zweig. So erscheinen nun Fach- und Galeriebücher zum Thema Textil, vorzugsweise »filzlastig«. Noch kurz erwähnt, eine weitere Ausgrabung: »Solidarismus« von Rudolf Diesel, das komplett vergessene sozialreformerische Buch des begnadeten Augsburger Motoringenieurs.

2017 erhielt der MaroVerlag den Preis „für einen Kleinverlag in Bayern“, daneben noch den Förderpreis für „junge Buchgestaltung“ der Stiftung Buchkunst.