Bernardo, selbstverständlich ein Weltbürger

Bernardo war der geborene Polyglotte und Weltbürger. Sprachen gründlich zu lernen, mit Sprachen bewusst und sorgfältig zu arbeiten – das durfte er schon als Kind, wurde zu seiner Leidenschaft und schließlich zu seinem Beruf, den er drei Jahrzehnte lang mit großem Engagement und Erfolg ausübte. Dass dieser ausgeprägten Vorliebe und Begabung zweifellos ein Naturtalent zugrunde lag und sich diese Fähigkeit entfalten konnte, hat sicherlich auch mit der Geographie der Familie zu tun. Unsere Eltern, Vater in (Süd-)Italien, Mutter in Berlin aufgewachsen, haben sich gegen Kriegsende in Berlin kennen gelernt und brachten zwei starke Kultursprachen und unterschiedliche Lebensweisen mit. In der ersten Zeit sprachen sie nur deutsch miteinander, aber nach einigen Jahren wurde zu Hause hauptsächlich italienisch und je nach Gelegenheit und Thema auch deutsch gesprochen. Sprachvergleiche und Kommentare über belustigende oder subjektiv störende kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Italien, später auch zwischen den Lebensweisen und Sitten anderer Länder, in denen die Familie jeweils lebte, kamen oft vor. Sie haben den Familienjargon bereichert und unserem Leben eine interkulturelle Note verliehen. Dadurch wurde auch unsere Erziehung und Weltsicht – wir waren zwei Geschwister – nachhaltig geformt.

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Bernardo, etwa ein Jahr alt, mit seinem Vater in Sorrento

Der Beruf unseres Vaters – er wurde nach Kriegsende Diplomat – brachte es mit sich, dass es die Familie nach dem Start in Berlin (die Eltern heirateten 1947 in Potsdam) zunächst nach Rom, dann nach Rio de Janeiro, wieder nach Rom und anschließend nach Liège in Belgien verschlug. Dort wurde 1954 Bernardo geboren. Die Eltern waren überglücklich und es gab einen großen Empfang. Als Fünfjährige freute ich mich riesig über den neuen Bruder und betrachtete neugierig den winzigen Menschen, der viel interessanter war als meine Babypuppe, die mir als Vorbereitung geschenkt worden war. Täglich assistierte ich beim Baden, Wickeln und Füttern des neuen Familienmitglieds. Die Oma aus Berlin kam für ein paar Monate, um zu helfen. Das war aufregend – auch weil die Großmutter Kinderbücher vorlas, stark berlinerte und sagenhaften Marmorkuchen backen konnte.

Unvergessen bleiben die Sommerferien, die wir in Knokke Le Zoute verbrachten: permanenter Regen, Wind, Anoraks, und ein schlecht gelaunter Bernardo, der dieses merkwürdige Sommerwetter nicht besonders schätzte. Dennoch scheute der Zweijährige keine Mühen, sich auf seine Weise mit Meer und Sand anzufreunden. 

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Bernardo und seine Mutter in Bogotá, 1957

Als Bernardo knapp drei Jahre alt war, zog die Familie nach Bogotá. Die Überfahrt erfolgte in zwei Etappen: zuerst eine Überseereise auf einem mächtigen italienischen Dampfer, dann ein Inlandflug mit einem zweimotorigen Flugzeug. Das war für uns Kinder der erste Flug und ziemlich aufregend – von Cartagena an der Westküste Kolumbiens über den Urwald und die Anden bis zu der auf einer Hochebene gelegenen Hauptstadt. In Bogotá lebten wir fast zwei Jahre lang (1957–1959). Hier lernte Bernardo Spanisch. Damals war es nicht üblich, Kleinkinder außer Haus betreuen zu lassen. Unsere Mutter kümmerte sich um Haushalt und Kinder sowie um ihre repräsentativen Pflichten als Diplomatengattin. Bernardo lernte die Sprache von den Hausangestellten und von den Kindern aus der Nachbarschaft. Natürlich lernten die Eltern und ich ebenfalls Spanisch, so wie wir zuvor Portugiesisch und Französisch gelernt hatten. Die Devise lautete: Man interessiert sich für Sprache, Land und Leute, selbst wenn man nur zwei, drei oder höchstens vier Jahre im Land bleibt und unabhängig davon, wohin die nächste Versetzung führen wird. Es ergab sich spontan, dass wir Kinder miteinander spanisch sprachen. Fernsehen existierte noch kaum.

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Bernardo bei seiner Einschulung in Lima, 1961

Der nächste berufsbedingte Wechsel brachte uns nach Lima. Oft haben wir uns an die Flugreise von Bogotá nach Lima erinnert. Wir flogen mit einer brandneuen Maschine des Typs Super Constellation. Unsere kolumbianische Katze flog auch mit, allerdings inkognito in einer Reisetasche. Das verängstigte Tier schaffte es, den Reißverschluss zu öffnen und raste durch den Gang. Die Stewardessen sahen über die zoologische Schmuggelware halb verlegen, halb elegant hinweg, und wir lachten uns ins Fäustchen. Hinsichtlich der Sprache war der Umzug für uns Kinder sehr günstig, denn diesmal brauchten wir keine neue Sprache zu lernen. Kolumbien und Peru unterschieden sich allerdings in mancher Hinsicht voneinander. Auch sprachlich gab es feine Unterschiede, aber als Bernardo 1961 in Lima eingeschult wurde, konnte er von den bereits erworbenen Spanisch- und Italienischkenntnissen enorm profitieren. Wir besuchten beide eine traditionsreiche zweisprachige Schule, in der wir uns gut aufgehoben fühlten.

Morgens wurden wir mit dem Schulbus abgeholt und am späten Nachmittag wieder nach Hause gefahren. Noch gab es keine Koedukation, also fuhren Mädchen und Jungen in getrennten Bussen. Da Bernardo noch sehr klein war und wir derselben Familie angehörten, rang sich das mehrheitlich aus Nonnen und Priestern bestehende Kollegium zu einer für sie schmerzhaften Ausnahme durch. Bernardo durfte mit uns Mädchen mitfahren, musste aber gleich hinter oder neben dem Fahrer sitzen. Immerhin war er ungeachtet des zarten Alters schon un hombre und deshalb eine potenzielle Gefahr für die frühreifen jungen Damen. Vor dem Aussteigen streichelte jedes Mädchen seinen niedlichen Kopf mit Bürstenschnitt, der damals als typisch belgisch gehandelt wurde. Bernardo blickte jedes Mal finster drein und fand das überhaupt nicht lustig.

In Lima lebten wir von 1959 bis 1962. Diese Zeit gehörte mit zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen. Oft sprachen Bernardo und ich – auch in späten Jahren – über diese wunderbare Zeit in dieser tollen Stadt. Wir lebten in einem geräumigen Haus im Kolonialstil im Stadtteil Miraflores mit einem Zimmer namens „Museum“, in dem ein zauberhaftes Puppenhaus stand. Es gab einen Garten mit üppig blühender Bougainvillea und federleicht schwebenden, Nektar saugenden Kolibris und liebevolle Hausangestellte, die Bernardo heimlich dabei assistierten, die ungeliebten Schreibübungen ins erste Schulheft zu kritzeln. Wir verbrachten die langen Sonntage und manche Nachmittage an den Stränden des bedrohlichen und eiskalten Pazifischen Ozeans mit den Delphinen, den fliegenden Fischen und den Krabbenkolonien und badeten stundenlang in den riesigen Salzwasserschwimmbecken, in denen wir uns vom unwirtlichen, anstrengenden Ozean erholen konnten. Häufig unternahmen wir Ausflüge entlang der surrealen Wüstenlandschaft der Nord-Süd-Küste oder in die Voranden, wo wir auf diversen Anwesen von Bekannten unsere dilettantischen Reitexperimente auf skeptischen Maultieren oder schwer zu motivierenden Eseln machen durften. Diese und viele andere Erinnerungen flossen später häufig in unsere Gespräche ein und bereiteten uns Freude, vermischt mit Idealisierung und Sehnsucht. Diese Reminiszenzen gefielen uns so sehr, dass wir im engen Familienkreis eine Reise in die Vergangenheit planten, um all diese Orte wieder zu sehen – wohl wissend, dass sich im Verlauf eines halben Jahrhunderts alles verändert hat, wir Vieles kaum wiedererkennen würden, und manches vielleicht gar nicht mehr existiert. Zu dieser Reise ist es dann leider nicht mehr gekommen. 

Auch die Zeit in Rom von 1962 bis 1965 war schön für uns, obwohl die schwere Krankheit unserer Mutter ausbrach und das Familienleben immer wieder überschattete. Wieder mussten wir uns an eine neue Umgebung und Schule gewöhnen, neue Freunde finden. Die spanische Sprache hatte keinen Platz mehr und auch das Meer war zu weit entfernt, um jeden Tag dorthin fahren zu können. Für Bernardo war dies der erste Aufenthalt in Rom, für mich die Rückkehr zur mythisierten Stadt meiner Geburt und frühen Kindheit. Für beide war Rom der Mittelpunkt unserer Identität. Sehr amüsant waren die Treffen mit den zahlreichen Cousinen und Cousins im Haus des Großvaters, eines gutmütigen Patriarchen, in einer Kleinstadt südlich von Rom. Sein Haus war sehr alt und hatte viele Zimmer. Hier durften wir herumrennen und laut sein. Hier feierten wir Ostern und Weihnachten bei wunderbarem Essen und Tombola nach neapolitanischer Tradition. Die Sommerferien verbrachten wir häufig mit Cousinen und Cousins in Scauri, einem Badeort zwischen Rom und Neapel. Dort konnte Bernardo dem Strand eher etwas abgewinnen als im flämischen Knokke Le Zoute. Fahrrad fahren, Rollschuhfahren, im Vergleich zum Pazifik harmlosen Tyrrhenischen Meer baden, Unmengen von Fisch und Meeresfrüchten und Spaghetti und Eiskrem essen – herrlich unbeschwert. Auch in den römischen Jahren konnten wir – wie in Bogotá und Lima – einige Dinge gemeinsam tun: fernsehen (vor allem Trickfilme) und Comics lesen, mit Lego spielen oder dadaistische Lieder komponieren. Im Apenninengebirge übten wir Skifahren. Der Schnee war eine Sensation für uns. 

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Bernardo und seine Freunde auf dem Nürburgring, 1968

Nächste Station: Bonn-Bad Godesberg. Der Abschied von Rom fiel uns ebenso schwer wie der Abschied von Lima. Von Rom nach Bonn: Kontrastprogramm. Von der Millionenstadt und historischen Kulturmetropole ins Provinznest mit Hauptstadtfunktion. Die knapp drei Jahre in Deutschland (1965–1968) waren für Bernardo wohl weniger unbeschwert als die Zeit davor. Das deutsche Gymnasium galt zu jener Zeit noch als extrem anspruchsvoll und streng, und war es auch. Die Eingewöhnung gestaltete sich sehr arbeitsreich. So schnell und gut wie möglich musste die deutsche Sprache auf ein dem Gymnasium angemessenes Niveau getrimmt werden. Im Vergleich zu den eher milden römischen Verhältnissen war das Klima nicht gerade angenehm: Viel Regen, Wind, Schnee und praktisch kein Sommer. Hier machte sich auch der kulturelle Unterschied, über den zu Hause so viel die Rede war, wirklich bemerkbar. Die Menschen verkehrten anders miteinander als in Rom oder Südamerika. Wir waren Ausländer; privilegiert lebende Ausländer, aber nach Meinung einiger Klassenkameraden – Spaghettifresser. Nach wenigen Monaten in Dottendorf, einem Ortsteil von Bonn, zogen wir nach Plittersdorf in die amerikanische Siedlung. Hier fand Bernardo einige sehr gute Freunde und lernte buchstäblich spielend Englisch, denn in der Siedlung lebten viele Familien aus den USA, aber auch aus vielen anderen Ländern. Die internationale, weltoffene Haltung, die uns unsere Eltern ganz selbstverständlich vorlebten, fand dort Bestätigung und konnte im Umgang mit Gleichaltrigen konkretisiert und vertieft werden, was auch dem Profil des von uns besuchten staatlichen Gymnasiums entsprach.

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Bernardo als Student in Basel, ca. 1975

Aber auch von dieser inzwischen vertrauten Umgebung mussten wir uns trennen. Unser Vater wurde nach Basel versetzt und wir wären gern in Bonn-Bad Godesberg geblieben. Im Juli 1968, kurz vor Bernardos vierzehntem Geburtstag, zogen wir widerwillig in die Schweiz – in einem Alter, in dem Freundschaften wichtig sind. Viele der alten Freunde würden wir kaum wiedersehen, obwohl die geographische Distanz anders als die zwischen Lima und Rom oder zwischen Rom und Bonn fast zu vernachlässigen war. Bonn und Basel verband der Rhein und es gab keine Kordilleren und keinen Ozean zu überwinden. Diesmal mussten wir keine neue Sprache, sondern einen in unseren Ohren sonderbar klingenden Dialekt lernen, was uns in der ersten Zeit Mühe bereitete. Bernardos erste Begegnung mit einem Basler Gymnasium war für ihn nicht gerade beglückend. Deshalb äußerte er den Wunsch, in Italien weiterzulernen und ging für anderthalb Jahre auf ein Internat in Domodossola und verbrachte die Wochenenden und Schulferien in Basel und beschloss, das Gymnasium in Basel zu beenden. Nach der Matur begann er ein Soziologiestudium an der Universität Basel.

Der Weg der Berufsfindung war nicht einfach. Viele Interessen wetteiferten oder kollidierten miteinander; nicht zuletzt galt seine Leidenschaft der Musik; mit Freunden spielte er in einer Band. Unterdessen war Basel zu Bernardos Heimat geworden. Italien blieb Ziel zahlreicher Reisen, sei es für Ferien am Meer oder für berufliche Einsätze. Bernardo hatte nach Abschluss der Dolmetscherschule Zürich, ergänzt um einen Studienaufenthalt in den USA an der Universität Delaware, endlich den richtigen Beruf gefunden. Dieser Studienaufenthalt war wohl entscheidend, den Dolmetscherberuf zu ergreifen, da Bernardo hier seine Englischkenntnisse perfektionieren konnte.

Bernardo etablierte sich als freiberuflicher Simultan-Dolmetscher und Übersetzer. So konnte er seine ausgeprägte Mehrsprachigkeit und Sprachgewandtheit in einem angemessenen Rahmen anwenden, viel reisen und die für ihn unverzichtbaren Freiräume beibehalten. Meistens war Italienisch die Zielsprache, denn er hatte seine Muttersprache konsequent benutzt, gepflegt, gefestigt und weiterentwickelt. Zielsprachen waren Deutsch, Englisch und Französisch. Aber bei Bedarf dolmetschte er auch in die umgekehrte Richtung. Vor allem liebte er anspruchsvolle Settings und Themen, insbesondere Konferenzen und Debatten beim Europarat in Straßburg, wo er Jahre lang regelmäßig arbeitete und sehr geschätzt wurde. Für zahlreiche weitere Institutionen, Organisationen und Firmen, besonders häufig und regelmäßig für die FIFA und die UEFA, und zu einem breiten Spektrum von Themen aus jeder erdenklichen Sparte, arbeitete Bernardo in mehr als sechzig Ländern.

Ungeachtet des relativ großen Altersunterschieds haben wir als Geschwister in bestimmten Zeitabschnitten viel gemeinsam unternommen. Es gab aber auch Zeiten, in denen der Kontakt eher spärlich und von langen Schweigeperioden unterbrochen war. Als Erwachsene hatten wir unterschiedliche berufliche Ziele und Wirkungskreise, andere Freizeitbeschäftigungen, andere Freunde. Wir hatten unsere eigenen Erfahrungen zu machen, manchmal auch schwierige persönliche Situationen zu überstehen. Immer war aber das Gefühl der Solidarität da, getragen von gegenseitiger Wertschätzung und der Gewissheit, dass wir im Fall der Fälle füreinander da sein würden,

Dieser Schatz an Erfahrungen und Empfindungen, sowie Bernardos integres und genuin freundliches Wesen – all das bleibt lebendig und bereichernd, auch jetzt, wo Bernardo nicht mehr unter uns ist.

Cristina Ghionda Allemann
Basel, den 29. Juli 2017

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    Alexander Schmitt

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    Christoph Renfer

  • Wenn ich an Bernardo als Kollegen denke, erinnere ich mich an 30 Jahre mit vielen gemeinsamen Konferenzen. Nach unserem gemeinsamen Diplom 1985 waren Bernardo, Laura und ich »die junge Dolmetschergeneration« in der italienischen Dolmetscherkabine auf dem Platz Zürich …Weiterlesen

    Gigliola Bernath-Guida

  • Bernardo war ein überzeugter Dolmetscher und stolz darauf, diesen Beruf auszuüben. Er hat immer gesagt, dass dies ein wunderbarer Beruf sei und sollte er noch einmal wählen müssen, sich jederzeit wieder für diesen Beruf entschieden hätte. Weiterlesen

    Laura Wieser Anedda